Lebensräume

In den letzten Jahren ist die Frage nach der Aufteilung der Lebensräume immer drängender geworden. Claudia Reich beschäftigt sich nicht im politischen Sinne damit, vielmehr erkundet sie die sozialen Bindungen, die Gemeinschaften ausmachen und unausweichlich sind. Ausweichen können wir Menschen ohne Weiteres nicht, denn wir sind „alle auf einem Planeten“, wie die Künstlerin es mit dem Bild der immer enger werdenden Welt ausdrückt. Sie spielt zugleich auf den familiären Mikrokosmos an, der ebenso erfordert, sich untereinander zu arrangieren.

Ihre menschlichen Figuren, deren Außenhaut aus hautfarbenen Nylonstrümpfen besteht, wirken unselbstständig. Oftmals sind sie als Torsi oder Urformen gestaltet. Zusammengeschnürt zeigen sie ihre starke innere und äußere Abhängigkeit. Könnten sie alleine existieren? Wie sind sie gewachsen? Hinzu kommt der Aspekt der Gewalt, der sich am deutlichsten in der Form des Boxsackes offenbart. Er trägt den Titel „Wir gehören zusammen“ und kann wiederum Gegenreaktionen auslösen. Neben der Macht und der Kraft von Zusammengehörigkeit interessiert sich die Künstlerin für die Gleichzeitigkeit der Generationen – den jungen und alten Menschen in uns.

Die Vielfältigkeit der Assoziationen macht diese und andere Werkgruppen der Künstlerin so spannend. Sie greifen von der eigenen biografischen Ebene über in biologische, psychologische und mythologische Bereiche. Mit dem Holzsteg verdeutlicht Reich ihre ständige Verwunderung, die aus der Beobachtung entsteht. Ihr sogenanntes „Selbstporträt“ führt vor die Wand, wo erst einmal Schluss ist.  Allerdings stellt die weiße Wand auch Leere dar, aus der sich stets etwas Neues ergibt.

Unter diesen Gesichtspunkten liegt es nahe, dass Claudia Reich von der Unsichtbarkeit der Dinge fasziniert ist. Transparenz des Materials und Spuren von Gegenständen tauchen immer wieder auf. Wo versteckt sich dabei die Seele? Und kann man Seele hinzufügen? Diese zum Teil ironisch gestellten Fragen zielen auf die Existenz des Menschen. Sie kulminieren in der Darstellung zu Gilgamesch, der uralten Legende über das menschliche Streben nach Unsterblichkeit und eine Sintflut aus göttlichem Zorn.

Anne Rodler